In Zeiten des Ukraine-Kriegs ist die globale Sicherheitsarchitektur ins Wanken geraten. Mit zunehmender Auflösung der unipolaren Weltordnung schwindet das Vertrauen in den Westen. Im Zentrum der Kritik steht oft die Diskrepanz zwischen den moralischen Ansprüchen westlicher Politik und dem realen Handeln von Europäern und US-Amerikanern. Im Interview spricht der Schweizer Friedensforscher, Historiker und Buchautor Daniele Ganser über den Verlust der Vorbildfunktion, die Suche nach Wahrheit und seine tiefe Überzeugung, dass der Mensch im Kern gut ist.

Herr Ganser, hat der Westen seine historisch und christlich geprägte Vorbildfunktion als Friedensstifter endgültig verspielt?
Einzelne Staaten aus dem Westen, vor allem die USA und Deutschland, haben Waffen an Israel geliefert, als Premierminister Benjamin Netanjahu in Gaza einen Genozid durchführte. Damit hat der Westen seine Vorbildfunktion vor allem im globalen Süden verspielt. Der Westen hat versucht, dieses moralische Dilemma zu lösen, indem er behauptet, es habe gar keinen Genozid gegeben oder es sei umstritten, ob es einen Genozid gegeben hat. Oder indem man gar nicht über den Genozid sprach.
Genozid unterstützt durch USA
Aber all dies funktioniert nicht, denn die klare Mehrheit der Genozidforscher, angeführt vom jüdischen Historiker Omer Bartov, hat sich klar gegen Netanjahu gestellt und festgehalten, dass Israel in Gaza einen Genozid durchgeführt hat, unterstützt durch Waffenlieferungen aus den USA und Deutschland. Daher habe ich in meinem Buch „Kampf der Giganten“ ein ganzes Kapitel zum Thema Genozid in Gaza.

Wie kann der Einzelne sich eine ethisch fundierte Meinung bilden, wenn jede Großmacht ihre eigene Wahrheit konstruiert?
Wichtig ist, dass man als Einzelner keiner Großmacht blind glaubt – weder den USA noch Russland noch China. Denn diese Giganten haben immer Machtinteressen. Wenn man ein konkretes Ereignis hat, das sehr umstritten ist, wie zum Beispiel die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines am 26. September 2022, dann lohnt es sich immer, die unterschiedlichen Narrative der Giganten zum Thema zu vergleichen. Ich habe für mein Buch die Protokolle des UN-Sicherheitsrates studiert. Denn dort sprechen die Giganten über ihre Botschafter und bringen ihre Sicht ein.
USA haben die Pipelines gesprengt
Man weiß dann noch immer nicht, wer die Wahrheit sagt, aber man sieht die unterschiedlichen Narrative. Weil die Sprengung von Nord-Stream ein sehr wichtiges Thema ist, habe ich noch die Analyse des US-Journalisten Seymour Hersh studiert und mit der Andromeda-Geschichte verglichen. Ich halte die Darlegung von Hersh für überzeugend und komme zum Schluss, dass die USA die Pipelines gesprengt haben. Dies bedeutet, wir haben Terroranschläge innerhalb von NATO-Staaten untereinander – das ist sehr brisant. Ich rate also zu einem Vergleich der Narrative.

Wie müsste eine Außenpolitik aussehen, die auf dem Prinzip der Demut fußt?
Wer demütig ist, zwingt einem anderen Menschen nicht seinen Willen auf. Die 193 Staaten der Welt sollten sich am UN-Gewaltverbot orientieren, das ist das geltende Völkerrecht, und nicht in anderen Ländern einmarschieren. Der Einmarsch von Russland in die Ukraine war gemäß dem Gewaltverbot illegal. Auch die Bombardierung des Irans durch die USA und Israel am 28. Februar 2026. In unseren Medien wird über die Ukraine und den Iran aber ganz unterschiedlich geschrieben.
Die Mehrheit will Frieden
Woher nehmen Sie ganz persönlich die Zuversicht, dass dieser Umbruch nicht im globalen Chaos endet?
Persönlich glaube ich, dass der Mensch im Kern ein gutes Wesen ist. Für mich ist die Welt ein wunderbarer Ort. Wer eine Blume oder einen Kristall betrachtet, sieht schnell: Es gibt eine große Ordnung im Universum, die nicht von Menschen hergestellt wurde. Ich weiß, dass die Mehrheit der Menschen Frieden will und Kriege ablehnt.
Ich habe auch viele Bücher über Nahtodeserfahrungen gelesen. Daher glaube ich, dass das Leben nicht endet, wenn der Körper stirbt. Das Bewusstsein oder die Seele oder wie man es auch nennen möchte lebt weiter. Das gibt mir eine große innerliche Ruhe und ein Gefühl der Verbundenheit mit allen Lebewesen.
Interview: Andreas Raffeiner


































